Die Überlebenden des Genozids an den Armeniern im Jahr 1915, kamen nach Deutschland in einer geringen Anzahl und ließen sich hauptsächlich in Berlin und Hamburg nieder. 1923 wurde die "Armenische Kolonie zu Berlin" gegründet und damit die erste armenische Gemeindeorganisation in Deutschland. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs flüchteten Armenier, insbesondere Kriegs-gefangene, aus der Sowjetunion in die US-amerikanisch besetzten Gebiete Deutschlands. Die Mehrzahl von ihnen reiste über die Lager der "Displaced Persons", von denen das letzte erst 1952 aufgelöst wurde, in die Vereinigten Staaten weiter. Bis zu den 60er Jahren lebte so nur eine kleine Anzahl von Armeniern in Deutschland.
Der Bürgerkrieg im Libanon, die so genannte islamische Revolution im Iran, der ständig gewachsene Nationalismus, der islamische Fundamentalismus in der Türkei, die Bedrängungen der Sowjet-republik Armenien in den 80er Jahren, die Massaker von Sumgait und Baku (Aserbaidschan) an der armenischen Bevölkerung,
schließlich das Erdbeben von 1988 sowie die Eskalation der Gewalt in Berg Karabach setzten die Katastrophen, denen Armenier aus-gesetzt waren, fort und rissen die dortigen, großen und lebendigen armenischen Gemeinden auseinander.
Heute leben ungefähr 3,5 Mio. Armenier in der Diaspora, außerhalb der Republik Armenien. Armenische Familien kamen in den 60er Jahren im Rahmen der Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer aus der Türkei in die Bundesrepublik Deutschland. Nach der Revolution im Iran und nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon, suchten auch Armenier aus diesen Ländern Asyl in Deutschland. Diese waren häufig im Handel oder Handwerk beschäftigt, während die Armenier aus der Türkei hauptsächlich Arbeiter, Handwerker oder auch Kleinhändler waren.
Im Jahr 1965 lebten ca. 2000-3000 Armenier in Deutschland. Sie konnten jedoch keine funktionierenden armenischen Institutionen vorfinden. Im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten gründeten sie kleinere Kultur- und Kirchen- Vereine. Da sich seit den 70er Jahren die beiden großen Kirchen in Deutschland vermehrt für Christen aus der Türkei einsetzten, konnten die armenischen Gemeinden als Gäste in kirchlichen Räumlichkeiten ihr Gemeindeleben entwickeln.
Zur Gruppe der west armenisch sprechenden Arbeitnehmer aus der Türkei, die meist aus ländlichen Gegenden kamen, gesellten sich ost armenisch Sprechende hinzu. Die gemeinsame armenische Kirchensprache und das kulturelle Zusammengehörigkeit Bewusstsein ließ die Integration der Neuankömmlinge gelingen.
Bis 1975 entstanden armenische Vereine in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München. In den 80er Jahren wurden weitere Vereine in Bremen, Braunschweig, Bielefeld, Duisburg, Neuwied, Bonn, Hanau, Eppingen, Nürnberg, Kehl und an anderen Orten gegründet.
Die Bewahrung der armenischen Identität trotz und neben einer kompromisslosen Identifikation mit dem Gastland, ist das Besondere der Diaspora-Gemeinschaft, denn das Zugehörigkeitsgefühl zu Armenien weniger eine Bindung an einen Staat bedeutet als ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Geschichte, zu einer Schicksalsgemeinschaft. Bewahrt wird dieser Gemeinsinn zum Beispiel in der Sprache, Literatur sowie in tradiertem Symbolen.
Auch die wichtigsten Festtage der Armenier als Gedenktage an historische Ereignisse erfüllen die Bewahrungs-funktion der traditionellen identifikativen Bindung. Vartananz , zum Beispiel, ist das Gedenken an Vartan und seine Männer, die sich im Jahr 451 in einer aussichtslosen Situation den Persern zum Kampf stellten und ihren Glauben gegen die des Zoroasterglaubens verteidigten. Zwar wurde die Schlacht verloren, doch gedenken die Armenier dieses Kampfes als Sieg des Überlebenswillens ihres Volkes. Am Tarkmantschaz -Tag wird dem Erfinder der armenischen Schrift, dem Mönch Mesrop, und den Übersetzern der Schrift gedacht. Erwähnt sei auch das Gedenken an den verzweifelten Versuch der Armenier, die vordringenden türkischen Truppen im Kampf am Araxes (türk.: Aras) bei Sardarabad am 24 Mai 1918 aufzuhalten. Ein besonderer Gedenktag ist jedoch der 24. April, der Gedenk- und Trauertag für die Toten des Genozids von 1915.
Gegenwärtig leben in Deutschland ca. 40000 Armenier. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern leben viele armenische Asylbewerber aus Armenien, die religiös durch Gottesdienste, Taufen, Bibelstunden und Gespräche von der armenischen Kirche betreut werden. Die Diözese trägt alle Kosten der Betreuung von Armeniern aus dem post-sowjetischen Armenien und betrachtet diesen Dienst als Missionsaufgabe.
Die armenischen Gemeinden bieten die Möglichkeit zur Kommunikation, organisieren religiöser Feste sowie historische Gedenkveranstaltungen; sie pflegen Kontakte zur Republik Armenien, organisieren z.B. Hilfsaktionen und leisten Integrationshilfen (durch Begegnungsstätten, Sportvereine) für neu Zugewanderte. Besonderen Wert legen nahezu alle Gemeinden auf Sprachunterricht, denn erst durch die armenische Sprache kommt das Gemeinschaftsgefühl zum Tragen. Das Gemeindeleben ist so mit ein wichtiger Bestandteil des armenischen Alltags.
Die armenischen Gemeinden in Deutschland kann man in zwei Gruppen einteilen: Zum einen handelt es sich um Kirchengemeinden, die der Diözese unterstehen, eigene Vorstände wählen, selbständig ihre eigenen Programme erarbeiten, aber die gleiche Vereinssatzung mit allen anderen Kirchen Vereinen teilen; zum anderen gibt es auch Kultur- und Sportvereine, die über ihre eigenen Programme hinaus mit Sondergenehmigung der Diözese auch Gottesdienste anbieten. Diese Vereine haben im Unterschied zu den Kirchen Vereinen selbstständige Satzungen. Der Diözese unterstehen somit neun Vereine in Braunschweig, Bielefeld, Köln, Neuwied, Hessen, Nürnberg, Baden-Württemberg, Kehl und München. Sie alle tragen vor dem Namen ihrer Stadt und Region die Bezeichnung "Armenische Gemeinde" (z.B. "Armenische Gemeinde Kehl" usw.). Ebenfalls mit Erlaubnis der Diözese werden regelmäßig Gottesdienste in Berlin, Hamburg, Bremen, Duisburg, Gießen, Mainz, Mannheim, Eppingen, Burladingen, Tannhausen abgehalten. In diesen Städten haben sich vornehmlich Kulturvereine etabliert.
National-kultureller Prägung sind ferner folgende Vereine:
Rhein-Arax Deutsch-Armenischer Freundschaftsverein (Braunschweig)
Abovian (Bonn)
Armenischer Frauenverein (Köln)
Armenischer Kulturverein (Köln)
Armenisch-National-Kulturelles Zentrum
Armenischer Kulturverein in Hessen (Frankfurt)
Maral Armenischer Kultur und Sportverein (Esslingen)
Armenischer Kulturverein in Baden-Württemberg
Armenische Landsmannschaft zu Bayern (München)
Armenischer Kulturverein Arpa (Hagen)
F.C.Maral (Nürnberg)
Künstlerverein Siamanto (München)
Solidarität Armenien (Bietigheim-Bissingen)
Während des Zweiten Weltkriegs gründete Abeghian in Berlin den Nationalrat , der sich insbesondere mit dem Schicksal von Kriegs-gefangenen beschäftigte. Neben Abeghian engagierten sich auch:
Tro, Karekin Njteh, Wahan Papazian(Goms), Offizier Ter Baghdasarian, Sahak Der Tomasian, Armen Djamalian, Brüder Zartarian Tawit Tawitkhanian, Brüder Frundschian Mouradian usw.
Der Nationalrat sah sich auch veranlasst, den arischen Ursprung der Armenier nachzuweisen, um die Gunst und das Vertrauen des Naziregimes zu gewinnen.
1943 wurde der Nationalrat durch den "Verbindungsstab" ersetzt.
Ihm stand Oberst Sarkisian , ein Gefangener der Roten Armee, vor. Im November 1944 erhielt dieser Stab den Namen "Nationalkomitee", das bis 15 April 1945 seine Arbeit fortsetzte.
Von 1944 bis 1949 beschäftigte sich eine kleine Gruppe im Kriegsgefangenenlager in Baden-Württemberg mit dem Schicksal der Gefangenen und deren Familien. Darüber hinaus entfaltete diese Gruppe auch kulturelle Tätigkeiten: Er gründete einen Chor, eine Schule, Sportgruppe, Tanzgruppe und Theatergruppe.
Wie bereits erwähnt, strömten in den 60er Jahren zahlreiche Armenier nach Deutschland und gründeten verschiedene Vereine, die unabhängig voneinander ihre Aktivitäten zu entfalten suchten. Um sie alle unter einen Dach zu bringen und somit ihre Tätigkeiten zu koordinieren, kamen in Aachen armenische Studenten zusammen und stellten 1962 die ersten diesbezüglichen Überlegungen an.
Am 22. März 1968 in Aachen riefen Armen Haghnazarian (Aachen) , Alfred Muradian (Berlin) , Seta Muradian (Berlin) , Pastor James Karnusian (Schweiz) , Mercedes Manikian (Aachen) und Ara Berkian-Bilesikian (Aachen) einen Ausschuß unter der Leitung von Alfred Muradian und der Mitwirkung von Pastor James Karnuzian sowie Armen Haghnazarian ins Leben.
In den nächsten Monaten fanden in Aachen und Berlin drei weitere Sitzungen statt. Am 22. und 23. November 1969 traten dann Vertreter von 11 Vereinen (aus Aachen, Bern, Frankfurt, Hamburg, Mainz, München, Stuttgart und West Berlin) sowie 8 Privatpersonen zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen. Mit insgesamt 40 Teilnehmern gründeten sie den "Verband der armenischen Vereinigungen in der BRD und West Berlin". In dieser Sitzung wurde eine gemein-same Satzung verabschiedet und ein Vorstand gewählt:
Pastor James Karnusian (Vorsitzender),
Dr. H.Sarkisian (Stellvertretender Vorsitzender),
A. Hairapetian (Schriftführer),
Garo Nahapetian (Kassenwart),
M. Gurigian (zuständig für Archiv und Bibliothek),
H.Yanesian (Koordinator),
N. Bosabalian (zuständig für kulturelle Angelegenheiten).
Das Amtsgericht hat die Satzung des Verbandes am 28. Februar 1970 bestätigt. Diese überparteiliche und nicht religöse Organisation nahm im Laufe der Zeit verschiedene Namen an: "Verband armenischer Vereine der deutschsprachigen Länder in Europa" (dazu zählten auch Schweiz, Österreich, Deutschland und teilweise auch Niederlande) und "Verband armenischer Vereinigungen in Deutschland und West Berlin".
Seit 1995 heißt der Verband "Zentralrat der Armenier in Deutschland". Der Zentralrat verbindet die armenischen Kultur-vereine und sorgt für die Koordination ihrer Programme. Zwei Mal im Jahr werden auch Jugendtreffen organisiert, die jeweils drei Tage dauern. In den Aufgabenbereich des Zentralrats fällt auch die Durchführung vom Sprachunterricht, die Organisation der Gedenkfeier zum Völkermord an den Armeniern 1915, sowie die Publikation von Büchern und Zeitschriften. Seit ein paar Jahren stellt der Zentralrat in Zusammenarbeit mit Armenien Bücher und Gegenstände in der Internationalen Buchmesse in Frankfurt/Main aus.
Das "Institut für Armenische Fragen e.V." ist nach der Auskunft der russischen Enzyklopädie " Armenische Frage " (Yerewan, 1991) ein wissenschaftliches Institut, dessen Forschungsbereiche die armenische Frage, die armenische Kunst, Religion und Geschichte sind. Dieses Institut wurde im Januar 1977 in München gegründet.
Am 27. April desselben Jahres wurde es von der Bayerischen Regierung als ein wissenschaftliches Institut anerkannt.
Seine Gründungsmitglieder sind :
Dr. Eduard Oganessian, Alice Maroukhian, Ara Movsesian, Schawarsch Hovasapian, Krikor Balikdjian, Prof. Ludwig Bazil, Levon Mikirtichian, Rafael Akopian, Schalwa Kalatadze . Seit der Gründung hat Dr. Eduard Oganessian den Vorsitz des Instituts inne. Seine Stellvertreterin ist Alice Maroukhian.
Mitglied des Instituts sind Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern, die sich mit den oben genannten Forschungsgebieten beschäftigen. Im Bezug auf die armenische Geschichte gab das Institut das mehrbändige Werk "The Armenian Genocide - Documentation", die Untersuchung vom deutschen Historiker Peter Lane "Armenien: Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts", "Arzach-Karabagh " von Levon Mikirtichian usw. heraus. Auf Initiative dieses Instituts wurde auch das "Komitee zur Verteidigung des armenischen Volkes" gegründet, dem namhafte Wissenschaftler und Politiker angehören. Das Institut befasst sich zudem mit der
Frage der Reparationszahlungen an die Armenier.
1979 gründen Dr. Gerayer Koutcharian und Dr. Tessa Hofmann einen Ausschuss, der neben der "Gesellschaft für Bedrohte Völker" die Zusammenarbeit mit Armeniern pflegt. Dieser Ausschuss versucht Informationen über den Völkermord von 1915/16 zu verbreiten, dessen internationale Verurteilung zu erreichen und über gegen-wärtige Verfolgungen der Armenier sowie Menschenrechtsverletzungen zu berichten.
Ebenfalls auf Initiative von Dr. Gerayer Koucharian und Dr. Tessa Hofmann besteht in Berlin seit 1985 das "Informations- und Dokumentationszentrum Armenien", das den Völkermord dokumentiert und ihn der breiten Öffentlichkeit zugänglich macht.
Im Jahre 1989 wurde das Institut für Genozid- und Diasporaforschung im Stiftverband für die Deutsche Wissenschaft gegründet. Finanziell getragen von privaten Spendern stellte sich die Stiftung
die Aufgabe der Förderung sozialwissenschaftlicher und historischer Forschungen, die die Erfahrungen der Armenischen Kultur und Geschichte berücksichtigen. Die Stiftung für Armenische Studien bemüht sich neben Forschungsarbeiten um Aufgaben im Bereich der Erwachsenenbildung sowie des Kulturkontakts.
Eine Institutionalisierung hatten die von der Stiftung für die Armenischen Studien initiierten Forschungsprojekte zunächst am Arbeitsschwerpunkt Armenische Studien an der Sektion für Sozialpsychologie der Ruhr-Universität Bochum finden können. Mit der Errichtung des Instituts für Armenische Studien im April 1994 wurde der dringend notwendig gewordene erweiterte Rahmen geschaffen, auch wenn die räumliche Vergrößerung sowie die Erweiterung des Mitarbeiterstabs ein finanzielles Risiko bedeuteten.
Der Vorstand der Stiftung besteht von Zolak Ter-Harutunian (Vorsitzender), Dr. Mihran Dabag , Garbis Papazian , Ernst-Albrecht v. Renesse . Parallel dazu ist auch ein wissenschaftlicher Rat tätig, der aus wissenschaftlichen Mitarbeitern besteht.
23.03.1989 in Tübingen gründete Madeleine Bayer die "Tübinger Armenien-Initiative". Dieser Verein ging aus einem Tübinger Freundeskreis für Armenien hervor, der sich nach dem schweren Erdbeben vom 7. Dezember 1988 in Armenien zusammengefunden hatte. Der Freundeskreis hat sich aus humanitären Gründen zum
Ziel gesetzt, mit Hilfe von Sammlungen und Eigeninitiativen schwer-verletzten armenischen Kindern und Jugendlichen durch eine optimale Versorgung mit orthopädischen Hilfsmitteln, den Weg in die Zukunft
zu erleichtern.
1990 haben armenische Ärzte den "Verein armenischer Mediziner in Deutschland" gegründet. Vom Amtsgericht wurde dieser Verein am 6. April 1991 anerkannt. In der ersten konstituierenden Versammlung wurde der Vorstand wie folgt gewählt: Dr. R. Papanian (Vorsitzender), Dr. A. Manukian (stellvertretender Vorsitzender), Dr. G. Kalatasch (Schriftführer). Dr. Suren Boghossian (Kassenwart), Dr. A. Dono , Dr. R. Agopian und Dr. S. Adam (Beirat).
Der Verein verfolgt folgende Ziele:
1. Unterstützung von politisch, rassisch oder religiös diskriminierten
armenischen Obdachlosen.
2. Hilfe bei der Verbesserung des gegenwärtigen Gesundheitssystems
in Armenien und der Modernisierung der medizinischen Geräte.
3. Organisation von armenischen und internationalen Seminaren.
Im September und Oktober 1992 besuchten Vertreter des Vereins eine Reihe von Krankenhäusern in Armenien (Yerewan, Artaschat, Ararat) und überbrachten die ersten medizinischen Hilfen und Medikamente. Bis 1996 übergab der Verein insbesondere dem Krankenhaus in der Stadt Ararat wertvolle medizinische Geräte, wie Sonographen, Röntgengeräte, zahnärztliche Stühle, Medikamente, Nahrungsmittel, Brennstoffe für Aggregate zwecks Erzeugung elektrischen Stroms usw. Über diese Hilfen hinaus, kamen auf Einladung des Vereins armenische Ärzte nach Deutschland, um sich medizinisch fort- und auszubilden.