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Die Kirche und die Diözese
Die ursprüngliche Wiege des armenischen Volkes ist der Osten Kleinasiens, vom Süden bis zum Mittelmeer, Kaukasus und Iran. Nach dem Zerfall des letzten armenischen Königreichs von Kilikien im Jahre 1375 entsteht die armenische Diaspora. Aufgrund fehlender Staat-lichkeit in den Jahrhunderten der Zerstreuung hatte die Armenische Kirche die Rolle einer identitäts- und gemeinschafts-bewahrenden Institution übernommen und damit neben den religiösen auch soziale, politische(nationale) und kulturelle Aufgaben.
Das Christentum ist schon sehr früh in Armenien verbreitet worden. Die armenische Kirche - gegründet im Jahre 301 -, führt ihren Ursprung auf die Apostel Bartholomäus und Taddeäus (vgl. Matth. 10.3 acta 1.13) zurück, die um 50-60 n. Chr. als Prediger nach Armenien kamen und dort den Märtyrertod gewahrten. Im Thaddäus - Kloster in Nordpersien werden die Reliquien des einen dieser beiden Aposteln aufbewahrt, und dort liegt auch sein Grab.
Aus den Anfängen der Armeniermission existieren keinerlei direkten und zeitgenössischen schriftlichen Quellen. Alles, was über die Missionstätigkeit der beiden Apostel bekannt ist, stammt aus späteren Aufzeichnungen. Auf das Wirken der Aposteln bezieht sich die armenischen Kirche in ihrer offiziellen Selbstbezeichnung als der Heiligen - Apostolischen Kirche.
Historisch genauer fassbar ist die Person Gregor des Erleuchters (Krikor Lusavoric). Über ihn ist bekannt, dass er aus dem patischen Adelsgeschlecht stammte und dass ihm in Kapadozien eine christliche Erziehung entstand. In späteren Jahren kam er als Missionar nach Armenien und versuchte, das Christentum unter den Armeniern zu verbreiten. Gregor stieß hierbei auf den entscheidenden Widerstand des armenischen Königs Tridates III., der von 283 - 294 und von
298 - 330 regierte. Der Überlieferung nach wurde Gregor aus diesem Grunde arrestiert und soll nach 13 - jähriger Einkerkerung in Xorwirab aus dem Gefängnis geholt worden sein und im Anschluss daran Tridates III. von einer unheilbaren Krankheit geheilt haben.
Der daraufhin bekehrte König Tridates III. soll sich und seine Herrscherfamilie taufen gelassen haben und erklärte im Jahre 301 das Christentum zur Staatsreligion Armeniens.
Die Armenier sind - sieht man von der nur kurzlebigen christlichen Staatskirche von Edessa ( 200 - 216 ) ab - daher das Volk mit der ältesten christlichen Staatskirche der Welt, denn die christliche Religion wurde im Römischen Imperium erst im Jahre 311, mithin erst zehn Jahre später durch Kaiser Konstantin ( 280 -337 ) zur "allein berechtigten Religion im Reich" erhoben. Somit blickt die armenische Kirche heute auf eine 1700 - jährige Geschichte zurück.
Gregor der Erleuchter wurde der erste Katholikos (Patriarch), d.h. das erste Oberhaupt der armenischen Kirche. In einer visionären Ahnung soll er von Christus den Auftrag erhalten haben, in Wagarsapat heute (Etschmiadsin), unweit von Eriwan, eine Kirche zu errichten. Seit der Einrichtung eines armenischen Katholikats im Jahre 1439 bildet dieser Ort bis zum heutigen Tag das spirituelle Zentrum der armenischen Kirche.
Das Amt des Oberhauptes der armenischen Kirche wurde anfänglich - und in Adaption der Feudalstruktur des armenischen Staatswesens - in der Familie Gregors vererbt, d.h. die armenische Kirchenleitung wurde ursprünglich mit verheirateten Männern besetzt. Diese Praxis änderte sich späterhin jedoch, und so gilt heute das genaue Gegenteil: Alle Priester, die das Amt des Katholikos und andere Ämter des höheren Klerus - wie das Bischofsamt - der armenischen Kirche bekleiden, unterliegen den Regeln des Zölibats.
Noch zu Anfang des 4. Jahrhunderts standen in Armenien die urar-täische Keilschrift bzw. die syrische, griechische oder persische Schrift in Gebrauch. Im Jahre 387 wurde Armenien zwischen dem Römischen Reich und dem Perserreich aufgeteilt. Als Folge der Teilung war das armenische Volk dem Versuch einer kulturellen Vergewaltigung insbesondere durch die persische Herrschaft ausgesetzt. Zunehmend sah es die armenische Kirche als ihre Aufgabe an, die Einheit des armenischen Volkes und die Eigenständigkeit seiner Kultur zu be-wahren - und d.h., sich als armenische Nationalkirche zu begreifen.
Als ein wesentliches Mittel, dies zunächst zu gewährleisten und darüber hinaus ein Instrument für die nachhaltige Verbreitung des Christentums in Armenien zu besitzen, muss die Einführung eines eigenen armenischen Alphabets angesehen werden, deren Initiative unmittelbar auf die Kirchenleitung zurückgeht.
Der Schaffung dieses eigenständigen armenischen Alphabets geht auf den Mönch und späteren Bischof Mesrop Maschtoz zurück.
Nach Einführung des armenischen Alphabets in den Jahren 403-406 wurden neben der Heiligen Schrift (435 - 436) auch die wichtigsten klassischen Werke der Kirchenväter ins Armenische übersetzt; ebenso entstand langsam eine eigene weltliche armenische Nationalliteratur. Das armenische Volk vermochte nunmehr, seinen übermächtigen Nachbarn und Okkupanten eine selbstständige schriftliche Kultur entgegenzusetzen.
Im Jahre 451 fand in Chalcedon das 4. Ökumenische Konzil statt. Die politische Lage in Armenien war zu dieser Zeit äußerst angespannt. Der Sassanidenkönig Yazgert II. (438-457) verlangte vom armenischen Volk, sich zum Mazdaismus zu bekehren; zusätzlich zu seinen politischen Pressionen versuchte er somit, auch auf religiösem Gebiet Macht über Armenien zu gewinnen. Der Konflikt mündete im Jahre 451 in kriegerischen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Armenien unter General Vartan Mamikonian (370-451) den militär-ischen Kampf gegen die Perser auf dem Schlachtfeld von Awarair verlor; sein Volk ließ sich letztendlich jedoch nicht dazu zwingen, seinem christlichen Glauben abzuschwören.
Dieser politischen - militärischen und religiösen Bedrängnis wegen sah sich die armenische Kirche nicht dazu in der Lage, eigene Teilnehmer für das 4. Ökumenische Konzil zu entsenden. Zwar war die armenische Kirche bereits beim I. Ökumenischen Konzil Nikäa (325) durch einen Sohn Gregors vertreten, und wenn sie unter-dessen bei den darauf folgenden Konzilien von Konstantinopel (381) und Ephesus (431) selbst nicht mit eigenen Gesandten beteiligt war, so nahm sie dennoch im Anschluss daran deren jeweilige Beschlüsse an. Die theolo-gische Auseinandersetzung mit den Beschlüssen des kalkedonischen Konzils durch die armenische Kirche freilich konnte erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung stattfinden, und dessen Entscheidungen wurden Jahrzehnte später von mehreren armenischen Nationalsynoden (502, 538 und 551 - 552) zurückgewiesen.
Da in Kalkedon die Behauptung der zwei Naturen Christi, die menschliche und die göttliche, zum Dogma erhoben wurde, wird die armenische Kirche - fälschlicherweise - mitunter heute noch als eine monophysitische Kirche bezeichnet, d.h. als eine Kirche, die Christus nur eine Natur - nämlich entweder die menschliche oder aber die göttliche - beierkennt. Die armenische Kirche wird mit diesem Urteil jener Gruppen von Kirchen zugeordnet, die aus theologischen Gründen nicht dazu bereit waren, die Beschlüsse von Kalkedon anzuerkennen und zu übernehmen. Diese Ansicht wird indessen dem Bekenntnisstand der armenischen Kirche nicht gerecht.
Die armenische Kirche bekennt sich im Anschluss an die ersten drei ökumenischen Konzilien zu Christus, in dem sich die göttliche und die menschliche Natur vereinigt haben.
Einen weiteren Schritt in Richtung auf zunehmende Eigenständigkeit der armenischen Kirche gegenüber ihrer nicht - christlichen Umwelt markiert die Einführung eines eigenen Kalenders im Jahre 551.
Einen tiefen Einschnitt in ihrer Geschichte erlebte die armenische Kirche im 7. Jahrhundert durch die Entstehung des Islams, bei dessen rascher Ausbreitung im Vorderen Orient arabische Stämme bald auch nach Armenien eindrangen. Unterdrückender steuerlicher Belastung und direkter religiöser Verfolgung konnte sich das armenische Volk dennoch Jahrhunderte lang unter arabischer Herrschaft behaupten, und es vermochten sich sogar immer wieder einige mehr oder weniger selbständige armenische Herrscherhäuser zu etablieren - so z.B. die Bagratiden - Dynastie (885 - 1042) oder Lokalkönigtümer wia das des Gagik Arzrunis in Waspuragan.
Von Osten her drangen im 11. Jahrhundert die Seldschuken nach Armenien ein und überfielen u. a. seine berühmte Hauptstadt Ani. Mitte des 11. Jahrhunderts wurde das armenische Volk aus seinem Stammland vertrieben und wanderte nach Kilikien aus. In das kili-kische Armenien wurde auch der Sitz des Katholikos verlegt, welcher hier bis zum Jahre 1439 verblieb. Im kilikischen Königreich ergaben sich ferner intensivere Berührungen der armenischen mit der lateinischen Kirche, von welcher sich die armenische Nationalkirche Unterstützung in ihrer oft schwierigen Lage im Kreuzungspunkt konkurrierender Einfluss-Sphären erhoffte.
Die römische Kirche hingegen verfolgte die Absicht, die armenische Kirche dogmatisch und institutionell zu dominieren, und als Reaktion auf die Union von Teilen der armenischen Kirche mit Rom und als Folge des Unterganges des kilikischen Königreiches wurde das kilikische Katholikat 1439 von Armeniern nach Etschmiadsin zurückverlegt. In der Folgezeit wurde der Sitz des Katholikos immer gewechselt, um die Sicherheit des Katholikats in politisch instabilen Zeiten sicherzustellen. Vor allem die Hauptstädte waren hierzu bestens geeignet. Bis zum Beginn der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts verblieben jedoch noch einzelne armenische Bevölkerungsgruppen in Kilikien, deren seelsorgerische Betreuung dem in Sis ansässig gebliebenen Katholikat oblag.
Bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist in Jerusalem ein armenisches Patriarchat gegründet worden, das vor allem für die Betreuung armenischer Pilger der Heiligen Stätten zuständig war.
Im Jahre 1453 fiel die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, Konstantinopel, unter türkische Herrschaft; dort wurde 1461 auf Anordnung des Sultans ein weiteres armenisches Patriarchat gegründet. Somit besitzt die armenische Kirche seit dem Fall Konstantinopels vier geistliche Zentren:
Etschmiadsin (der Sitz des Katholikos Aller Armenier),
Sis (später Anelias-Beyrouth),
Jerusalem und Konstantinopel.
Im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts wurden dem armenischen Volk schwere Verluste zugefügt. Zwar wurde nach der Aufteilung Ostarmeniens zwischen den Persern und dem zaristischen Russland im östlichen Landesteil eine sog. Polojenie (1836) erlassen und für die im Osmanischen Reich lebenden, orthodoxen Armenier ebenfalls die Anerkennung als eigene "Nation" (Millet/1863) erreicht (als Millet anerkannt wurden im Osmanischen Reich auch die römisch - unierten und die protestantischen Armenier (1830 bzw. 1847)). Jedoch kamen nach der Katastrophe des Genozids am armenischen Volk, der in den Jahren 1915/16 unter dem jungtürkischen Regime Enver Paschas aus nationalistischen Motiven verübt wurde und dem durch Mord und brutale Deportationen ("Todesmärsche") rund 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen, in der Zeit nach dem Ende des 1. Weltkrieges weit reichende Folgen auch auf die armenische Kirche zu.
Zwar behielt sie alle ihre geistlichen Zentren bis auf das armenische Katholikat von Sis (es wurde im Jahre 1920 zunächst nach Syrien und dann von dort Anfang der dreißiger Jahre nach Antelias/Libanon verlegt), allein hatten die Patriarchate von Etschmiadsin und Konstantinopel in unzuträglichem Maße an Mitgliedern verloren. Das Patriarchat von Konstantinopel blieb jahrelang vakant. Das Katholikat von Etschmiadsin war den Schikanen und dem Terror des Stalinismus ausgesetzt, in deren Zusammenhang u. a. im Jahre 1938 das Oberhaupt der armenischen Kirche, Khoren Muratbekjantz, an seinem Amtssitz durch das KGB ermordet wurde. - Über die genannten vier geistlichen Zentren hinaus vollzieht sich das Leben der armenischen Kirche in unserem Jahrhundert im Wesentlichen auch in den in der ganzen Welt verstreuten Diasporagemeinden.
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